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Wenn Freundschaft zur Belastung wird - ist es dann noch Freundschaft?

Ich liebe Vorurteile und Erwartungen. Und zwar immer dann, wenn ich ihnen nicht entsprechen muss oder bewusst genau das Gegenteil mache. Ein Satz, der mir dazu immer als Beispiel einfällt ist: "Du hast einen Sidecut, du rauchst doch bestimmt." Er ist so oder so ähnlich bei einem Autorentreffen gefallen und hat mich prächtig amüsiert. Weil ich in der Hinsicht so überhaupt nicht dem Klischee entspreche.

Andererseits bin ich in meinem Autorendasein doch ziemlich klischeehaft: Ich muss neben meinem Schreiben einen Brotjob ausüben (glücklicherweise macht dieser mir sehr viel Spaß), weil ich vom Schreiben allein (noch) nicht leben kann, mich in meine eigenen Welten hineinträume, einem guten Wein nicht abgeneigt und hin und wieder bin ich gern allen. Ich habe auch nicht gerade viele Sozialkontakte, wenn man von den Autorenkollegen, die ich aus dem Internet kenne, mal absieht, gerade eine Handvoll Menschen, mit denen ich im echten Leben mehr oder weniger regelmäßig zu tun habe. Und es gibt nur einen Menschen, mit dem ich jeden Tag meines Lebens teile. Mehr brauche ich nicht, um glücklich zu sein. Außerdem liebe ich die Freiheiten, mit meinem Leben und meiner Zeit, anfangen zu können, was ich möchte.

 

Hin und wieder kommt es jedoch vor, dass ich Menschen näher an mich heran lasse. Entfernte Bekannte werden zu Freunden, zu engen Freunden - egal über welches Medium. Ich vertraue neuen Menschen meist recht schnell viele Dinge über mich an - im Gegenzug frage ich selten, was in ihrem Leben passiert. Das ist eine Eigenart von mir, mit der wenige Menschen klarkommen, weil sie denken, sie interessieren mich nicht. Wenn jemand mir etwas erzählen möchte, denke ich, wird er es schon tun. Dadurch kann sehr schnell ein recht intensiver Austausch entstehen, den ich mitunter sehr genieße.

 

Irgendwann gelange ich an den Punkt, an dem mein Leben sich mit dem der anderen Person verflicht: man schmiedet gemeinsame Pläne, trifft sich und irgendwie gestaltet sich eine mögliche Zukunft. Ganz automatisch. Es fühlt sich zu Beginn doch gut an, sich einem Menschen anvertrauen zu können, meinem eigenen Leben zu erzählen - fernab von Social Media -, wenn alles noch neu ist. Außerdem liebe ich das Gefühl, wenn ich sie inspirieren und dazu motivieren kann, ihre Träume zu verwirklichen. Häufig komme ich mit "Fans" in Kontakt, schreibe mit ihnen, stehe ihnen mit Rat und Tat zur Seite. Mit diesen Plänen gehen meistens auch Ansprüche einher, die man erfüllen möchte - oder soll ...

 

Wenn sich aus Fans und Bekanntschaften langsam eine Freundschaft entwickelt, ist es doch eigentlich total in Ordnung - oder nicht? Wenn dann aber Ansprüche an mich gestellt werden, ist dann der Punkt erreicht, an dem ich beginne, mich unwohl zu fühlen. Wie ich diesen Verlauf der Dinge ändern kann, habe ich leider noch nicht herausgefunden.

 

Ich weiß nicht, woran es liegt, oder wie ich es verhindern kann. Mein einziger Weg bisher: Fremde Menschen nicht zu schnell an mich heranzulassen. Nicht die beste Methode, wenn man sich auf diese Art distanziert Zudem bin ich ein extrem aufgeschlossener Mensch. Eigentlich möchte ich den Kontakt zu ihnen haben, aber ich komme mit diesen Ansprüchen an mich nicht klar. Ich fühle mich in die Ecke gedrängt und unter Druck gesetzt. Meistens merke ich es gar nicht direkt, sondern ich beginne ganz automatisch, mich zurückzuziehen. Ich distanziere mich, bin nicht mehr ganz so offen und rede nicht mehr so viel über mich selbst.

 

Genau das ist mir jetzt schon wieder passiert. Mit einem Menschen, den ich schon seit beinahe 15 Jahren kenne. Er ist mir zu viel geworden, ich kann seinen Erwartungen nicht mehr gerecht werden und das möchte ich auch nicht. Ich möchte ich sein können, ohne mich für andere zu verbiegen und wenn es bedeutet, dass ich nur mit einer Handvoll Menschen zu tun habe, dann ist es so. Wenn es bedeutet, dass ich Menschen gehen lassen und Freundschaften beenden muss, dann ist es so.

Ich bin nicht auf der Welt, um zu sein, wie andere mich gern hätten - Ein Spruch, den ich auf einem Shirt trage, das ich bereits schon seit einigen Jahren besitze. Und er ist so wahr.

 

Dinge, die ich heute jemandem erzähle, erzähle ich morgen vielleicht jemandem anderen lieber, weil sich etwas geändert hat. Unbewusst hat mich dieser Mensch vielleicht unter Druck gesetzt oder Ansprüche an mich gestellt, die ich nicht erfüllen kann.

Mit einer Handvoll Menschen bin ich glücklich, denn genau die habe ich mir ausgesucht, weil ich sie in meinem Leben haben möchte. Und ich will nicht mit allen Mitteln an einer "Beziehung" halten, wenn sie mich belastet.

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